Serie im Hamburger Abendblatt
Teil 4: Wie viel Popmusik braucht Hamburg?
Unter dem Titel „Der Beat der Stadt“ widmet sich Autorin Birgit Reuther in einer vierteiligen Serie im Hamburger Abendblatt der Live-Musikszene Hamburgs und am am 16.08.2026 der Frage, wie viel Popmusik brauche.
In ihrem Kommentar „Wie viel Popmusik braucht Hamburg? Bei wem die Stadt jetzt Ideen klauen sollte“ kritisiert Birgit Reuther, dass Hamburg zu viel popkulturelles Potenzial ungenutzt lässt. Die Hamburger Musikszene zeichne sich zwar durch eine hohe Professionalität, starke Vernetzung und eine beeindruckende Vielfalt aus, stehe jedoch angesichts rasant gestiegener Kosten, veränderten Ausgehverhaltens und existenzieller Nöte massiv auf der Kippe. Hinzukämen neue Herausforderungen wie der Umgang mit künstlicher Intelligenz, Nachhaltigkeit und Sicherheitskonzepte. Um diesen Trend zu durchbrechen, fordert die Autorin ein proaktives Bekenntnis der gesamten Stadtverwaltung zur Musikstadt – von der Wirtschaftsbehörde über die Stadtentwicklung bis hin zur Bildung.
Ein zentrales Vorbild für Hamburg könnte dabei die südkoreanische Hauptstadt Seoul sein, wo derzeit ein gigantischer K-Pop-Hub mit einer Großkonzerthalle, Hotels und Entertainment-Locations entsteht. Die koreanische Regierung setzt hier gezielt auf „Softpower“-Faktoren, um Wirtschaft und Image anzukurbeln. Darüber hinaus zeigt Seoul durch clevere Fan-Aktivationen und Eventflächen rund um große Konzerte, wie man narratives Potenzial für die Stadt vermarktet. Laut Reuther könnte Hamburg sich hiervon inspirieren lassen und beispielsweise den Musiker Johannes Oerding als passenden Botschafter einbinden.
Bevor jedoch über neue Großbauten nachgedacht wird, müsse vor allem die bestehende popkulturelle Infrastruktur Hamburgs massiv gesichert und gefördert werden. Dazu zwingend notwendig sei eine deutliche Aufstockung des Live Concert Accounts der Clubstiftung, um das Reeperbahn Festival und die Clubbasis zu stützen. Zusätzlichen Druck erzeugt dabei der Haushaltsentwurf von Staatskulturminister Wolfram Weimer für 2027, der drastische Kürzungen für die Popkultur – darunter eine Halbierung der Zuwendungen für das Reeperbahn Festival – vorsieht. Reuther kritisiert diese rückwärtsgewandte Einseitigkeit scharf, da sie die Diversität und den Talentaufbau gefährde.
Zudem müsse mit dem veralteten romantisierten „Genie-Gedanken“ gebrochen werden, da junge Musikerinnen und Musiker heute neben der reinen Kunst enorm viel Social-Media- und Selbstorganisationsarbeit leisten müssen. Institutionen wie RockCity Hamburg, das Clubkombinat, der Popkurs oder das SAE Institut leisten hierbei wichtige Bildungsarbeit, die stärker gefördert und um Digitalisierungs- sowie Professionalisierungsangebote erweitert werden sollte. Schließlich betont die Autorin, dass die Hamburger Club- und Musikszene weit mehr als nur ein Wirtschaftsfaktor ist: Sie schafft essenzielle Freiräume, fördert das urbane Miteinander und befeuert auf unersetzliche Weise die Demokratie